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+ 44 - 110 | Eine neue Karte im Kopf der Schweizer

Publiziert am 07 Nov '05 - um 23:50 unter den Stichworten: Raum, Umwelt
Das längere Zeit angekündigte städtebauliche Porträt der Schweiz des ETH Studios Basel ist erschienen. Nach prominenten Beiträgen in Weltwoche, 10 vor 10, und NZZ widmet das Magazin vom 5. November (online nicht verfügbar) der Studie gleich eine Sondernummer. Dass es nicht nur um eine Provokation von vier Star-Architekten (Diener, Herzog, de Meuron, Meili) geht, zeigt das Interview mit Kooautor und Soziolog Christian Schmid.

Mit ihrem rund 1000 Seiten starken Werk will das ETH Studio Basel laut Marcel Meili nichts weniger, als die «Karte im Kopf der Schweizer» verändern, wie mein Kollege Axel Simon vor knapp einem Jahr im Tagesanzeiger schrieb. Das «Städtebauliche Porträt» wolle mit einem Schweizbild aufräumen, das schon lange mehr einem Mythos gleiche denn der urbanen Realität.

Die Hauptprovokation von Diner, Herzog, de Meuron, Meili und Schmid liegt in der Diagnose einer grossen alpinen Zentralbrache rund um den Gotthard. Viel Geld wird - wie man den Autoren unterstellen kann - unnütz ausgegeben, um die Besiedlung dieser Region aufrecht zu erhalten.

Gesamtschweizerisch werden neben den alpinen Brachen vier weitere Grossräume unterschieden: Metropolen (Genf, Basel, Zürich), Städtenetze (z.B. rund um Bern mit Biel Neuenburg, Fribourg, Thun, Burgdorf, Solothurn), stille Zonen (z.B. das Napfgebiet) und alpine Resorts wie Grindelwald oder Zermatt.

Das ist weder neu noch besonders originell. Ganz ähnlich verfährt beispielsweise Avenir Suisse in «Stadtland Schweiz» (2003). Im «Städtebaulichen Porträt» steckt aber eine Auseinandersetzung mit Urbanität, die über eine nationale Zonenplanung hinausgeht:

«Stadt ist dort, wo gesellschaftliche Differenzen aufeinander prallen und produktiv wirken», sagt Chistian Schmid im Interview mit dem Magazin vom 5. November 2005. «Das dramatischste Beispiel sind die urbanen Bewegungen der Achzigerjahre in Zürich, Bern, Basel und Lausanne.»

Der Gegensatz zwischen Stadt und Land entpuppt sich als Mythos: «Die Stadt wird als Bedrohung gesehen, als etwas 'Unschweizerisches'. [...] Das Dörfliche wird als Gegenbild zelebriert, obwohl die Kühe auf den satten grünen Matten, die solche Illusionen nähern, hoch subventionierte Kühe sind. Die traditionelle Lebensweise des Dorfes hat sich längstens aufgelöst.»

Befragt nach der Rolle der Gemeindeautonomie meint Schmid (immer noch im Magazin vom 5. November 2005): "Sie hat den Urbanisierungsprozess beschleunigt. Weil auch noch das kleinste regionale Zentrum einen eigenen Autobahnzubringer und alle Annehmlichkeiten des urbanen Lebens haben wollte, wurde ein grosser Teil des Landes mit Infrastrukturanlagen, Einfamilienhäuschen und Gewerbebauten überstellt."

Die Tatsache, dass heute auch in Thun oder im Glarnerland alte Fabriken als Kulturzentren genutzt werden, erklärt Schmid als Folge urbaner Netzwerke: "Neuerungen verbreiten sich sehr schnell über diese Kanäle. [...] Die vergleichsweise spektakulärste Veränderung in den letzten Jahren liegt darin, dass auch kleine und mittlere Städte wie zum Beispiel Winterthur oder Luzern deutlich urbaner geworden sind."

Ohne das Buch gelesen zu haben, kann ich mir vorderhand schlecht vorstellen, wie solche Analysen mit der räumlichen Einteilung in 5 Grossregionen zusammen gehen, die mich eher an Zonenpläne und Bauordnungen der Gemeinden erinnern. Was lokal zu Normierung und Einebnung der Unterschiede geführt hat, soll im regionalen Massstab nun plötzlich Differenz befördern?

Ausserdem stellt sich die Frage, für wenn die angestrebte maximale Diversität auf nationaler Ebene also solche überhaupt erlebbar ist. Erst wer regelmässig zwischen Metropolen, alpinen Resorts, idyllischen Ruhezonen, etc. unterwegs ist, hat etwas davon. Wer hingegen täglich zwischen den Knoten eines Städtenetzes hin und her pendelt, der erlebt womöglich eher eine Einebnung.


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