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+ 33 - 20 | Intime Öffentlichkeit

Publiziert am 29 Sep '05 - um 01:10 unter den Stichworten: Medien
Silly Solly brauchte Rat, wie sie einen Scheck für den Treuhandfonds ihres Kindes investieren sollte und lucyK bat um Tipps, wie man der eigenen Mutter schonend beibringt, dass nicht jeder Anruf gleich eine Stunde dauern muss. Fragen, wie Sie jeden Tag in Chats und Webforen gestellt und beantwortet werden. Doch die britische Tageszeitung The Guardian hat sich erdreistet, auf Papier zu drucken, was nur für die Intimität des Internets gedacht war.
Am Montag, 12. September 2005 kam der Guardian in einem neuen Halb-Tabloidformat heraus. Am Samstag darauf erschien erstmals die neue Rubrik "Family". Und neu war auch, dass Mitglieder des hauseigenen Webforums "Talk" unter der Überschrift "Reader to reader - Your problems, your solutions" plötzlich schwarz auf weiss lasen, was sie zuvor nur in der Vertrautheit des Internets ausgetauscht hatten.

Darauf entbrannte ein Sturm der Entrüstung. User fanden ihr Vertrauen missbraucht. Einige befürchteten, ihre Identität könnte enthüllt werden, weil eine Diskussion zwischen Wenigen plötzlich ans Licht einer breiten Öffentlichkeit gezerrt worden war.

Neil McIntosh, Mitherausgeber von Guardian Unlimited, sah sich zu einem beschwichtigenden Kommentar genötigt. Tenor: jeden Monat werden die Seiten des Forums von hunderttausenden von Usern rund 6 Millionen mal abgerufen. Der Guardian werde darum die Mitglieder seiner Foren vermehrt darauf hinweisen, dass dies nicht der Ort für einen vertraulichen Schwatz sei: "Talk isn't the place to go for a quiet chat."

Doch dieses Bewusstsein dürfte schwierig zu vermitteln sein. Ein Webforum dehnt die Öffentlichkeit zeitlich weit aus. Was ich heute schreibe, hinterlässt vermutlich Spuren, die - sollte ich selbst diesen Text einmal löschen - im Cache irgendeines Servers noch Jahre - möglicherweise Jahrzehnte - später von (fast) jedermann gelesen werden können.

Dagegen bist in dieser Minute gerade du wahrscheinlich als Leser dieser Zeilen allein. Und auch in einem bestimmten Forum des Guardian tummeln sich zu einem bestimmten Zeitpunkt kaum mehr als eine Hand voll Leser. Den gedruckten Guardian schlagen dagegen jeden Tag über 300'000 Leser auf. Gegenüber der verdünnten Aufmerksamkeit im Web ist das ist eine enorm komprimierte Öffentlichkeit.

Diesen Unterschied zwischen asynchroner Öffentlichkeit im Web und der synchronen Öffentlichkeit einer Tageszeitung sollte der Guardian meiner Meinung nach respektieren. Die Beteiligung an einem Internetforum ist nicht gleichzusetzen mit dem Schreiben eines Leserbriefs - auch wenn streng genommen vielleicht die Summe der lesenden Augen durchaus vergleichbar ist.

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