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+ 42 - 30 | Satellitenauge über New Orleans

Publiziert am 10 Sep '05 - um 00:35 unter den Stichworten: Umwelt, Medien
Satelliten machten das giagantische Ausmass der Zerstörungen nach dem Tsunami vom 26. Dezember 2004 sichtbar. Oder das Zugsunglück vom April des selben Jahres in Ryongchon, Nordkorea. Und neuerdings zeigen Satellitenbilder die Überschwemmungen in New Orleans. Doch woher kommt unsere Faszination für diese Bilder?


Immer öfter versuchen Medien Ereignisse mit Hilfe von Satellitenbildern fassbar zu machen. Jüngstes Beispiel sind die Überschwemmungen und Zerstörungen nach dem Wirbelsturm Katrina, die es auf die Frontseiten von Zeitungen geschaft haben oder in Web-Sepcials wie jenes der New York Times aufbereitet wurden. An sich ist die Verwendung diese Bilder erstaunlich, sind doch kaum Menschen erkennbar und auch die Schäden muss man durchaus eine Weile suchen, wo sie nicht mit Pfeilen und Punktlinien erklärt (pdf, 2.3MB) werden.

Luftbilder - aus geringerer Distanz und schrägem Winkel - findet man dagegen schon seit langem bei der Berichterstattung von Katastrophen, so auch nach Katrina: am 31. August 05 gibt es kaum eine Zeitung, die kein Luftbild New Orleans auf der Titelseite hat.

Doch zurück zu den Satellitenbildern. Was macht sie so anziehend? Eine Rolle spielt sicher die Tatsache, dass sie die kosmische Dimension der Katastrophe betonen: sogar vom Weltall aus ist sie zu sehen. Der zweite wichtige Punkt scheint mir die ostentative Objektivität der Satellitenbilder. Hier hat kein Kameramann mitgelitten, dramatisiert, inszeniert. Vielmehr kontrastiert die mechanische Präzision der Bilder mit dem nur im Kopf des Betrachters ahnbaren Ausmass der Verzweiflung.

Doch die Objektivität ist möglicherweise eine vordergründige. Während die Präzision und der Detaillreichtum der Bilder einladen, alles ganz genau zu studieren, werden die Mechanismen, die Verantwortung, welche hinter den Phänomenen stehen übergangen. Die NYT versucht dem zwar entgegenzuwirken, indem sie eine Karte präsentiert, auf der man Höhe über Meer, Bevölkerungsdichte, Anteil der farbigen Bevölkerung und Haushaltseinkommen auf verschiedenen Layern einblenden kann. Aber auch diese Grössen können nicht viel mehr als Betroffenheit hervorrufen.

An diese Stelle passt ein Zitat des italienischen Urbanisten Stefano Boeri, der sich - allerdings in ganz anderem Kontext - über die Arroganz äussert, die dem Blick vom Zenit herab innewohnt:

This breathless concern with description [...] has often remained the prisoner of an old rule of discourse: zenith morphology, where meaning ist attributed only to those figures that express themselves in a complete form and with a visible, two-dimensional surface. It also requires considerable "distancing" between observer and territory, as if this "stepping back" were a necessary condition for the knowledge of territorial phenomena, and therby reducing the observer's subjectivity to an impersonal entity, which is outside his/her field of observation.
Boeri spricht hier freilich nicht davon, wie Naturkatastrophen verstanden werden können, sondern von der chaotischen Entwicklung peri-urbaner Territorien in Europa (Eclectic Atlases in: USE - uncertain states of europe) - was freilich auch eine Art Katastrophe ist.

Ressourcen zum Thema
:
     
  • Satellitenbilder vieler (vergessener) Katastrophen findet man bei UNOSAT, der Satelliten-Agentur der UNO.
  •  
  • Als Karten aufbereitet sind sie bei Reuters zu haben.
  •  
  • Bei Google kann man ebenfalls das Vorher und Nacher der Überflutung New Orleans vergleichen.


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