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+ 53 - 42 | Filter-Journalismus

Publiziert am 02 Aug '06 - um 00:42 unter den Stichworten: Medien

Was unterscheidet Journalisten von Bloggern? Die einen recherchieren, die anderen kopieren - so die eine Antwort. Die einen tuns für Geld, die anderen aus Idealismus lautet eine andere. Doch was, wenn ein Nachrichtenportal Geld bezahlt fürs Setzen von Links?


Das Angebot, im Tausch gegen 150 Links jeden Monat 1000 Dollar zu verdienen richtet sich an die 50 populärsten Benutzer von Digg (oder anderen Social-Bookmarking-Diensten).

Nachrichten an die Oberfläche holen

Wer bei digg mitmacht, liest online jede Menge Nachrichten und lässt andere am eigenen kritischen Urteil teilhaben. Das funktioniert so: Wer im Web eine besonders interessante Geschichte findet, schickt den Link an digg.

Bei digg lesen andere (etwas suchfaulere) Leser diesen unermüdlichen Strom (mehr oder weniger) interessanter Geschichten und geben ihrerseits Empfehlungen ab.

Nachrichten, die von vielen Benutzern empfohlen werden, landen auf der Einstiegsseite von digg. Solche, die sehr viele Empfehlungen auf sich ziehen landen ganz weit oben, was wiederum die Chancen dieser Titelgeschichten verbessert, oben zu bleiben oder noch höher zu steigen.

Der ganze Destillations- oder Filterprozess wird ohne Redaktion von Lesern geleistet und zwar völlig unentgeltlich.

Geld fürs Lesen

Das Angebot, für Links zu zahlen kommt von Netscape. Man kennt Netscape noch als Browser, doch seit der Übernahme durch AOL versucht sich die Marke in erster Linie als Portal zu positionieren.

Bis vor wenigen Wochen sah www.netscape.com wie ein ordentliches Portal aus. Doch dann hielt digg Einzug: was seit dem 29. Juni 2006 auf der Homepage von Netscape erscheint, wird nach dem selben Bewertungsmechanismus bestimmt wie bei digg (was übrigens nicht jedermann gefällt - als Geschichte schaffte es dieser Kommentar prompt zuoberst auf die Homepage).

Doch damit nicht genug. Vor einigen Tagen hat Jason Calcanis, der zuerst Weblogs Inc. gründete und jetzt Netscape steuert, der Community von digg ein Angebot gemacht, oder vielmehr nur den 50 populärsten Benutzern (das Angebot gilt auch für die ähnlichen Communities von reddit und newsvine sowie von del.icio.us):

Before launching the new Netscape I realized that Reddit, NewsVine, Delicious, and DIGG were all driven by a small number of highly-active users. I wrote a blog post about what drives these folks to do an hour to three hours a day of work for these sites which are not paying them for their time.

[...]

I have an offer to the top 50 users on any of the major social news/bookmarking sites:

We will pay you $1,000 a month for your "social bookmarking" rights. Put in at least 150 stories a month and we'll give you $12,000 a year.

Das Angebot ist auf eine ganze Menge Echo gestossen – von erzürnter Ablehnung bis zu devoter Beflissenheit, wie aus den Kommentaren zu Calcanis Beitrag ersichtlich ist. Der Digger "Geekforlife" bietet sein Profil in den Top 100 sogar zum Kauf an (Angebot am 1. August 2006: 710 Dollar bei eBay).

Filter-Journalismus: ein neues Tätigkeitsfeld

Der strategische Schachzug, beim Konkurrenten nicht nur den Mechanismus zu kopieren, sondern auch gleich die wichtigsten Opinion-Leader abzuwerben, mag gelingen oder nicht. Interessant finde ich in jedem Fall, dass sich im Prozess der Nachrichtenproduktion für Laien ein neues Tätigkeitsfeld abspaltet: das des Nachrichten-Filters.

Ähnlich wie Laien als Bürger-Journalisten (idealerweise) gewisse Aufgaben des (Lokal-)Reporters übernehmen, indem sie vor Ort ihre Eindrücke aufzeichnen und übermitteln, fungieren nun (Laien-)Leser als Redaktoren bei der Themenauswahl.

Und das gleiche Bild, wenn es um Geld geht: So wie gewisse Medienunternehmen ihre Bürger-Reporter finanziell entschädigen, so zahlt Netscape Geld fürs Lesen – auch wenn die Jobs von kurzer Dauer sein könnten: Möglicherweise dienen die bezahlten Filter-Journalisten lediglich als Gärhilfe, bis sich die neue Community selbst um ihre Nachrichten kümmert, wie Amy Gahran anregt.


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