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+ 60 - 40 | Tyrannei des Textes

Publiziert am 10 Apr '06 - um 00:27 unter den Stichworten: Medien, Schreiben

Regisseur Peter Greenaway fordert die Befreiung des Films von der Tyrannei des Textes, denn der lineare Text des Drehbuchs zwinge den Bildern eine stumpfe Logik auf. Die Befreiung ist eine Befreiung von Linearität, das Resultat so etwas wie Hypertext. Aber gerade ein stur chronologisches Nacheinander schafft Ordnung, eine Ordnung, wie sie das Web 2.0 bringt.


In der neusten Ausgabe von Lettre International ist ein interessanter Text Peter Greenaways («The Cook, The Thief, His Wife & Her Lover», «Prospero's Books») erschienen (das englische Original «Cinema Militans Lecture – Toward a re-invention of cinema» stammt aus dem Jahr 2003).

Greenaway möchte das Kino von einer vierfachen Tyrannei befreien: Text, Rahmen, Schauspieler und Kamera. Ich will mich hier nicht als Filmkritiker aufschwingen und beschränke mich stattdessen auf Greenaways Anklage der Text-Tyrannei. Der folgende Abschnitt bringts auf den Punkt:

«Jeder Filmregisseur, von Ausnahmen abgesehen, braucht einen Text, bevor er ein Bild haben kann [...]. Angesichts der Entwicklung des Kinos [...] ist es ganz unmöglich, ein Studio oder einen Produzenten mit drei Gemälden, vier Drucken und einem Skizzenbuch voller Zeichnungen anzusprechen und als Belohnung die Unterstützung für eine Film zu erwarten. Der Film gilt als Kunst und als Industrie des Bildes; trotzdem haben wir es mit einem Kino zu tun, das auf Text basiert. In allen Filmen, die man zu Gesicht bekommt, kann man beobachten, wie der Regisseur dem Text folgt und, mit etwas Glück, die Bilder als nachträglichen Einfall dazu liefert.»

Das klingt ganz ähnlich wie das Plädoyer Julian Gallos (Professor für Neue Medien) für einen echt multimedialen Journalismus. Die Medien hätten in den letzten 10 Jahren eine bestimmte Form entwickelt, ihre Geschichten auf dem Web zu erzählen:

«Das Rückgrat bildet der Text [...] und darum herum entwickelt sich eine Reihe von Anhängen anderer Inhalte wie Fotos, Audios, Videos und Links. [...] Der Autor kümmert sich um die wichtigen Dinge (er schreibt) und andere Leute weiten den Text aus oder reichern ihn an [...].»

Für Gallo sind Flickr, Castpost oder YouTube das Sesam öffne dich für einen neuen Journalismus. Greenaway verweist als Ausweg aus der Tyrannei des Textes auf seine Tulse Luper Suitcases, ein audiovisuelles Projekt mit Filmen, DVDs, Fernsehen, Web, Bücher, etc. :

«Text prägt normalerweise eine Filmerzählung und liefert natürlich auch die Dialoge. Das konventionelle Kino sucht diesen schriftlichen Ursprung zu verbergen. In den Tulse Luper Suitcasese wird er nicht verschleiert; der Film ist so voll von Erzählsträngen, dass das narrative Element in der Flut untergeht. Im übrigen wird die Erzählungen ständig unterbrochen und durch Zusatzinformationen, Aufzählungen und Nebenhandlungen fragmentiert, um die konventionelle narrative Kontinuität aufzubrechen.»

Das tönt für meine Ohren natürlich nach Hypertext (und Greenaway mag da auch hingeschielt haben). Das tönt für mich aber auch nach grosser Anstrengung für den Zuschauer. Insbesondere, wenn ich dann noch Greenaways Bemerkungen über die «Rahmen-Tyrannei» lese:

«Abel Gance entwickelte 1927 mit seinem Film Napoleon eine Projektion für drei Leinwände [...]. 1927 drei 35-Millimeter-Projektionen zu synchronisieren war keine einfache Aufgabe [...]. Das konventionelle Kino kann und will bis heute keine Multiscreen-Projetkionen zeigen, und bis es soweit ist, muss die einzelne Leinwand unterteilt gesplittet und fragmentiert werden. Multiple Leinwände implizieren die Möglichkeit einer Wahl. Es ist nicht einfach, alle Leinwände gleichzeitig und mit gleicher Aufmerksamkeit zu betrachten [...].»

Mir scheint, Greenaway gehe es eigentlich weniger ums Medium Text als um die Vorherrschaft vereinfachender, linearer Erzählweisen. Text – besonders wenn er vorgelesen wird – zwingt Gedanken in ein striktes Nacheinander. Hypertext ist der Versuch, aus dieser sturen Linearität auszubrechen. Doch es scheint mir, dass dieser Ausbruch auf wenig Begeisterung stösst. Im Gegenteil. Techniken, die wieder lineare Zusammenhänge herstellen, werden gerade als Web 2.0 gefeiert.

Nehmen wir das Weblog. Wo Menschen früher wild in alle Richtungen wuchernde Homepages unterhielten, beträufeln sie uns heute mit einem sittsam portionierten Erzählfluss. Und der RSS-Reader: er hilft uns, aus dem Wirrwarr dutzender, wenn nicht hunderter Stimmen einen zeitlich geordneten, linearen Feed zu generieren. Noch weiter treibts der Podcast. Hier sorgt die Stimme des Produzenten auch gleich für den Rhythmus der Silben, Wörter und Sätze.

Linearität verspricht Sinn. Man bringt die Dinge in einen Zusammenhang. Doch genau das simulieren die Techniken des Web 2.0 eigentlich nur anstatt es wirklich zu leisten. Die Beiträge eines Blogs haben nur einen beschränkten Zusammenhang. In einen einzigen Feed aggregiert entsteht Sinn höchstens auf der sehr abstrakten Ebene einer subjektiven Auswahl, im setzen eines Filters.

Ich bin unschlüssig, welcher der beiden Tendenzen ich den Sieg wünschen soll: ist es die Reduktion von Komplexität durch linearisierende Techniken oder ist es die Überwindung des Linearen durch wahrhaft multimediale Mixturen? Ich beobachte an mir selbst beides:

  • ein Bedürfnis nach Ordnung und Übersicht, wie es eine chronologische Systematisierung mit sich bringen kann und
  • eine Lust am Experiment, am Mehrdeutigen, wie ich sie bei Greenaway spüre.

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