Artikel

+ 31 - 40 | Ist Text genug?

Publiziert am 30 Dez '05 - um 02:16 unter den Stichworten: Medien, Schreiben
Über Jahre hinweg war ich der Überzeugung, Text sei im Web das Allerwichtigste. Und doch komme ich in letzter Zeit immer öfter ins Grübeln. Dezidiert der Meinung, dass Text nicht genügt, ist Julian Gallo in einem Artikel, der kürzlich in der argentinischen La Nación erschienen ist.

Vor einigen Jahren waren die meisten Internetauftritten Hochglanzprospekte in digitaler Form. Enthusiastische Webpublisher mit technischem Geschick kombinierten Bilder, blinkende Knöpfe, stimmungsvolle Farben und ausgefallene Schriften. Nach einiger Zeit kamen dazu noch Javascript und Flash. Die Reaktion der Betrachter war ein lang gezogenes "woaw!". Am Anfang. Anfangen konnte man mit diesen Seiten wenig.

Die Misstände riefen eine neue Zunft auf den Plan, die Usability-Experten. Sie gingen mit System vor, das Schlagwort hiess CMS. Nicht dass ihnen unterdessen die Arbiet ausgegangen wäre, wie Jakob Nielsen kürzlich vorrechnete. Und ich zweifle auch nicht, dass die meisten Internet-Seiten nur dank Text funktionieren. Sprache allein ist präzis genug, mitzuteilen, worum es auf einer Seite geht, was man auf ihr tun kann oder wohin ihre Hyperlinks führen.

Und doch befallen mich bisweilen Zweifel. Liegt es an der Phantasielosigkeit eines Teils der Usability-Branche? An der Repetivität ihrer Sisyphus-Arbeit? An der Tatsache, dass ich mich selbst tagtäglich an der Benutzbarkeit von Webseiten abarbeite?

Doch was meinen Zweifel besonders nährt, sind Artikel wie jener von Julian Gallo (auf Englisch oder Spanisch), Professor für Neue Medien an der Uni von San Andrés. Gallo fordert - ganz gemäss seinem Titel - einen Neuen Journalismus. Anlass ist der zehnte Geburtstag des argentinischen "ciberperiodismo".

Gallo spricht andernorts auch über Bürger-Journalismus (periodismo 3.0), aber sein Hauptthema ist doch das multimediale Erzählen. Nun ist Multimedia eigentlich eine alte Kamelle. Doch ähnlich wie die persönliche Homepage durch Blogging-Software neu belebt wurde, laden heute Flickr, Castpost oder YouTube jedermann und jede Frau dazu ein, mit Audio-, Foto- und Video-Material aus dem eigenen Handy online zu gehen.

Die grossen und mittleren Medien fahren mehr oder weniger weiter wie bisher. Sie haben in den letzten 10 Jahren eine bestimmte Form entwickelt, ihre Geschichten zu erzählen, erklärt Gallo:

Das Rückgrat bildet der Text [...] und darum herum entwickelt sich eine Reihe von Anhängen anderer Inhalte wie Fotos, Audios, Videos und Links. Ausser über die Links hat der Autor wenig ode gar keinen Einfluss auf den multimedialen Inhalt [...]. Der Autor kümmert sich um die wichtigen Dinge (er schreibt) und andere Leute weiten den Text aus oder reichern ihn an [...]. Zu meinen - wie das meistens getan wird - die Möglichkeit des Lesers, verschiedene Inhalte abzuholen, sei schon Multimedia (klicken um ein Video zu sehen) ist fast, als ob einer auf einem Blatt Lattich kaut, zwie Löffel Öl schluckt und glaubt, er habe einen Salat gegessen.

"Um die Dinge anders (besser) zu tun, brauchen wir Autoren mit neuen Fähigkeiten und editorischen Freiheiten, die bisher fehlen", sagt Gallo und spircht damit einen wesentlichen Punkt an: Multimedia entzieht sich (tendenziell) der Kontrolle. Was einer schreibt kann eine andere mit dem Rotstift korrigieren, streichen, kürzen. Ein Bild ist dagegen sperriger. Entweder es ist genehm - oder eben nicht. Ein steuerndes, korrigierendes Eingreifen ist - vom Ausschnitt mal abgesehen - schwierig. Gleiches gilt für Videos oder Audio-Files. Wenn man Inhalte am Text festmacht, behält man dagegen Kontrolle.

Die multimediale Revolution - sollte sie denn wirklich eintreffen - ist also am ehesten vom Journalismus 3.0 zu erwarten. Dort, bei den Bürgerinnen und Bürgern entsteht das Material (wie z.B. diese Geschichte) und dort weht auch die frei machende Luft. An zweiter Stelle erwarte ich Medien, die mit Bürgerbeteiligung experimentieren und ganz zuletzt Websites von Unternehmen und Organisationen. Für die wird das Stichwort wohl noch lange Usability heissen - oder: Am Anfang war das Wort!

[Via Poynter - E-Media Tidbits]


Kommentare

Trackbacks

Trackback URL for this entry: http://etext.ch/pivot/includes/tb/tb.php?tb_id=55

Einen Kommentar zum Beitrag 'Ist Text genug?' schreiben


  
Persönliche Informationen speichern?

/ Textile

Dies ist ein Schutzmechanismus gegen automatisch erzeugten Spam.
 

  ( Benutzername Registrieren / Einloggen )

Benachrichtigen:
E-mail verbergen:

Alle HTML-Tags außer <b> und <i> werden aus Deinem Kommentar entfernt. Links erstellst Du einfach durch Eingabe einer URL oder der Mailadresse.

Suche

Legal

Creative Commons License
This work is licensed under a Creative Commons License.